Der letzte Schäfer an der Lippe

Der letzte Schäfer an der Lippe

Heinz Hüppe sitzt auf der Pritsche seines Geländewagens, der am Fuß des Lippedeiches steht und blickt über seine Herde – rund 600 Schafe sind es, deren Blöken weit vernehmbar ist.

Im Gelände ist „Barry“ unterwegs, ein schwarzer, zotteliger Hirtenhund, und kümmert sich um Ausreißer. „Trügge, trügge“, ruft der Schäfer laut, als einige Tiere nicht parieren, was auf Platt so viel wie „zurück“ bedeutet. „Der Barry ist ein Altdeutscher und reinrassig, der andere ist von einem Strobel, die werden mehr in Süddeutschland bei der Schäferei eingesetzt“, erläutert Hüppe in breitem Westfälisch.

Foto: Michael Steinbach/EGLV

Seit zehn Jahren ist er mit seiner Herde im Sommer zwischen Haltern, Lippramsdorf und Dorsten auf den Deichen des Lippeverbandes unterwegs, im Winter zieht er durchs Münsterland. „Daheim in Reken habe ich zwar einen Stall, aber da passen gar nicht alle Tiere rein“. Abgesehen von dem vielen Gras, das die Schafe benötigen. Und so zieht er, wie sein verstorbener Vater Alois, der 1976 mit seiner Herde an die Lippe kam, von Standort zu Standort.

„Früher hatten wir Schwarzköpfe, aber dann habe ich umgestellt auf die Merino-Landschafe, da ist das Fleisch besser, die sind fruchtbarer und wenn eines lammt, kommen die Neugeborenen schneller auf die Beine, das ist vor allem bei schlechtem Wetter wichtig“. Was dem Schäfer Einkommen bringt, ist das Fleisch der Schafe. „Für die Wolle gibt es 60 Cent das Kilo, ein Schaf hat etwa drei Kilo, da kostet das Scheren schon mehr“. Seit Mitte September wieder junge Lämmer geboren wurden, ist Hüppe mit seiner Herde in Lippramsdorf.

Schafe leisten indirekten Hochwasserschutz
„Das ist auch besser so“, meint der Schäfer, denn in Dorsten hat er immer wieder Ärger mit Hunden gehabt, die nicht angeleint über die Wiesen laufen und Schafe attackieren; natürlich dann auch Ärger mit den Hundehaltern, die froh sind, für ihre Vierbeiner auf den Lippedeichen einen großzügigen Auslauf zu haben – eine typische Nutzungskonkurrenz um die verbliebenen Freiflächen am Rande der Stadt. Nur ein kurzes Stück weiter steht ein Schild des Lippeverbandes, das Hundehalter bittet, auf die Schäferei Rücksicht zu nehmen. Denn die Schafe sind nicht nur empfindlich gegen Krankheiten, die durch den Hundekot übertragen werden, sondern als Fluchttiere durch Hunde leicht zu beunruhigen.

Foto: Rupert Oberhäuser/EGLV

Wenn Heinz Hüppe abends nach Haus fährt – er übernachtet nicht mehr wie in früheren Zeiten bei seiner Herde, bleiben die Schafe hier über Nacht im Pferch und die Hunde halten Wache. Trotz der regelmäßigen kurzen Heimreise ist die Schäferei kein leichter Job. Pflege der Klauen bei den Schafen, Einladen von „Fußkranken“ auf den Hänger bei jedem Standortwechsel und tausend weitere Handgriffe rund um die Herde füllen den Tag. „Man hat keinen Urlaub und auch nicht viel zu reden bei der Schäferei, das ist eben so“, hat sich der Schäfer über die Jahre an seinen Alltag gewöhnt.

Beim Lippeverband ist man überzeugt, dass Schafe zur Unterhaltung der Hochwasserschutzdeiche einen hervorragenden Beitrag leisten können: „Die Schafe halten nicht nur das Gras kurz, sondern verdichten mit ihren Hufen den Boden, ohne ihn zu beschädigen“, so Günter Cremer, der als Flussmeister für den Raum Haltern zuständig ist, „ganz nebenbei machen wir unsere Umwelt und Heimat erlebbar, indem wir einen wichtigen Beitrag gegen das Aussterben der schönen Tradition Wanderschäferei leisten“.

Wie geht es weiter, wenn er sich mal zur Ruhe setzt? Der Sohn will den Betrieb übernehmen, ist aber – ebenso wie Heinz Hüppe vor Jahrzehnten auch – dem Rat seines Vaters gefolgt und hat erst mal einen anderen Beruf gelernt. Früher gab es mehrere Schafherden an der Lippe. Neben ihm existiert nur noch ein weiterer Betrieb, der aber keine klassische Schäferei betreibt. Ralf Riering ist ein „moderner“ Schäfer und auf auf ganz unterschiedlichen Feldern aktiv: Mit seiner Mischherde aus Heidschnucken und Ziegen ist er meist zur Landschaftspflege an naturnahen Gewässern unterwegs, daneben besitzt er schottische Hochlandrinder, die auf unserer Auenfläche in Haltern an der Stevermündung weiden. Heinz Hüppe ist der letzte Schäfer an der Lippe.

Titelfoto: Rupert Oberhäuser/EGLV

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