Ein ganz besonderer Ort – Gedenken an Michael Holzach

Ein ganz besonderer Ort – Gedenken an Michael Holzach

33 Jahre ist es her, dass der berühmte Schriftsteller Michael Holzach in der Emscher ertrank. Jetzt erinnert eine Stele unweit der Unglücksstelle an ihn.

Grau verhangen ist der Himmel, gar nicht wie Juni sein sollte – es regnet zwar ausnahmsweise mal nicht, aber irgendwie ist alles klamm. Es ist still, fast schon unwirklich – obwohl wir mitten in der Stadt sind. Ein paar Meter unter mir fließt die Emscher recht flott dahin, längst nicht mehr Köttelbecke, sondern „echter“, sauberer Fluss. Es sind mehr Leute da, als ich erwartet hatte. Seine Brüder Georg und Ludwig sind gekommen, seine Lebensgefährtin Freda Heyden sowieso, der Bezirksbürgermeister Friedrich Fuß ist da und so einige Weggefährten wie zum Beispiel sein Fotograf Timm Rautert. Wir alle stehen am Emscher-Radweg in Dortmund-Dorstfeld vor einem neuen, kleinen Rastplatz – der das Ergebnis einer Kooperation ist, die vor gut einem Jahr begann.

Freda Heyden, Georg und Ludwig Holzach. Foto: Katrin Schnelle

Freda Heyden, Georg und Ludwig Holzach. Foto: Katrin Schnelle

Im Juni 2015 erreichte mich eine Anfrage von Freda Heyden, ob die Emschergenossenschaft es sich vorstellen könnte, in irgendeiner Weise Michael Holzach zu gedenken. Die Geschichte von seinem tragischen Tod in der Emscher im Jahre 1983 kannte ich natürlich, sie ist Teil des fast schon kollektiven Gedächtnisses unseres Hauses: Der junge Autor, Mitte Dreißig, hatte gerade mit „Deutschland umsonst – Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland “ einen Beststeller gelandet und war für Dreharbeiten zur Verfilmung des Buches an die Emscher in Dortmund zurückgekehrt. Feldmann – sein Hund und treuer Begleiter geriet in Höhe der Dorstfelder Allee in ein sog. „Tos-Becken“ und kam aufgrund von Strömung und Betonsohle nicht mehr heraus. Holzach, groß gewachsen, sportlich und ein guter Schwimmer wollte seinen treuen Begleiter retten und stieg über den Zaun in das Becken. Ein tödlicher Fehler, hatte er doch die Kraft der Wassermassen unterschätzt. Am Ende rettete Michael Holzach seinen Hund, ertrank jedoch selbst in der Welle.

Nach dem ersten Kontakt mit Freda Heyden habe ich sein Buch gelesen. Auf seiner Wanderung erkundete Michael Holzach 1981 die Emscher – so gut es damals ging. Er beschreibt menschenentleerte Industrie-Landschaften, in denen der „tote Fluss“ immer wieder auftaucht, verschwindet, kaum zu erkennen ist und doch immer präsent:

„Im Stadtteil Barop riecht es plötzlich nach faulen Eiern, in Dorstfeld liegen ätzende Schwaden über der Wasseroberfläche, in Holthausen macht sich eine schwere Süsse breit. Kein Fluss der Welt ist so abwechslungsreich in seiner Abscheulichkeit, keiner bietet bei aller monotoner Traurigkeit so viele Überraschungen.“  Spätestens jetzt ist mir klar, dass Michael Holzach und die Emscher auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Er hat sich der ungeliebten Köttelbecke zugewandt und in poetischen Worten beschrieben, was doch so wenig Schönheit hatte. Er hat sich der Emscher zugewandt, als dies sonst niemand tat – außer uns, der Emschergenossenschaft.  „Deutschland umsonst“ ist nicht nur Bestseller und Kultbuch, sondern einzigartiges literarisches Zeugnis einer vergangenen Emscher, einer vergangenen Zeit im gesamten Emschergebiet.  Was liegt also näher, als  Michael Holzach direkt an der Emscher zu gedenken?

Ich habe mit Freda Heyden und unserem Betriebsmanager Bernd Möhring im Juli 2015 die eigentliche Unfallstelle besucht. Sicher – die Emscher ist hier bereits ökologisch verbessert, aber der Ort liegt direkt an der Dorstfelder Allee, ist laut und für das Verweilen nicht geeignet. Also gehen wir einen guten Kilometer flussaufwärts.  Gemeinsam mit Dirk Bergmann vom Radwege-Management werden wir fündig.

Und so stehen wir heute hier in Dorstfeld, gucken auf die saubere Emscher, sehen ins Grüne und verweilen auf dem Radweg an einem kleinen Rastplatz mit Stele. Sie zeigt auf der einen Seite Informationen rund um den Emscher-Umbau und erinnert auf der anderen Seite an Michael Holzach. Ein großes Portrait von ihm und Feldmann hat uns seine Lebensgefährtin Freda Heyden zur Verfügung gestellt. Es ist ein Blickfang, der Passanten innehalten lässt, vielleicht auch sein Buch wiederentdecken lässt. Die Gäste sind beeindruckt von dem, was unser Designer Till Möller und unsere Redakteurin Katrin Schnelle gestaltet haben. Die neue Webseite  www.michaelholzach.de  wurde eigens von Freda Heyden ins Leben gerufen und ist per QR-Code direkt abrufbar.  Es wird kurz geredet, die Presse ist da,  dann liest Freda Heyden uns noch einige Passagen zur Emscher aus „Deutschland umsonst“ vor, mit ruhiger Stimme und doch bewegt. Die Familie legt Blumen nieder und zündet eine kleine Kerze an. Gar nicht kitschig, sondern ganz angemessen scheint mir das. Irgendwie ist die ganze Situation hier angenehm entrückt.  Der Himmel verdunkelt sich immer weiter. Schade, denke ich, dass Michael Holzach den neuen, lebendigen Fluss nicht mehr miterlerleben konnte. Mir gefällt die Vorstellung, dass er die Emscher jetzt nochmal erwandert, in Dortmund, über unsere Wege. Was er wohl dazu schreiben würde?

Der Himmel ist jetzt ganz schwarz, die kleine Veranstaltung ist vorbei und plötzlich kommt der große Regen. Mit dicken Tropfen holt er mich in die Wirklichkeit zurück. Schnell verteilen wir die mitgebrachten Emscher-Schirme an die Gäste und laufen mit den anderen zu den Autos zurück – die Realität hat uns wieder.

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