Über den großen Teich geblickt

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Dreiwöchiger Wissensaustausch in den USA!

Drei Wochen USA, von der Ost- bis zur Westküste, mit Aufenthalten in Washington (D.C.), Tulsa (Oklahoma), Denver (Colorado) und Portland (Oregon) – das klingt doch nach einem ganz tollen Trip, oder? War es tatsächlich auch, sogar ein Mega-Trip! Doch wer nun glaubt, ich sei in den vergangenen Wochen nur auf Sightseeing-Tour gewesen, der muss sich in den folgenden Passagen eines Besseren belehren lassen…;-)

Auf Einladung des „United States Department of State“ (Außenministerium der USA) habe ich an dem dreiwöchigen Führungskräfte-Austauschprogramm „International Visitor Leadership Program“ (IVLP) rund um die ökonomischen Möglichkeiten durch sogenannte Public-Private-Partnerships (PPP) teilgenommen. Bewerben kann man sich für das Programm nicht – man wird dazu angefragt! Mich hat in diesem Fall das US-Generalkonsulat in Düsseldorf nominiert, sind meine Arbeitgeber Emschergenossenschaft und Lippeverband doch praktisch auch eine große Partnerschaft zwischen öffentlichem und privatem Sektor (unsere Verbände sind zwar öffentlich-rechtlich, haben jedoch u.a. auch private Mitglieder).

Im Rahmen des Programms war ich jedoch nicht nur Vertreter unserer Verbände, sondern auch Vertreter Deutschlands – ich gebe zu, ich fühlte mich geehrt! Darüber hinaus gehörten zur insgesamt achtköpfigen Gruppe hochkarätige Teilnehmer aus Italien, Polen, Ungarn, Bulgarien, Albanien, der Türkei und den Niederlanden. Gemeinsam erlebten wir nicht nur spannende Begegnungen und gute Gespräche – sondern erfuhren die Vereinigten Staaten auch jenseits der bekannten Schlagzeilen und Tweets!

1) Washington, D.C.

Gleich an unserem ersten Arbeitstag trafen wir Marshall Macomber (3.v.r.), Präsident des Think-Tanks „ThinkP3“ und früher Mitarbeiter des U.S. House of Representatives. Es war eine offene und sehr konstruktive Diskussion über die Chancen und auch Risiken von PPP. In einem Punkt sind wir uns einig: Daseinsvorsorge gehört in öffentliche Hand, so auch die (Ab-)Wasserwirtschaft! Mr. Macomber habe ich anschließend Infos über das Konstrukt der Emschergenossenschaft und zum Emscher-Umbau zugeschickt, hier bahnt sich evtl. ein Austausch von Know-how nach Amerika an! Das passt, kooperieren wir als Emschergenossenschaft bereits heute unter anderem mit der Rutgers University in New Jersey!

In Washington haben wir auch die Regierung von D.C. (District of Columbia) getroffen, der gerne der 51. Staat der USA werden würde. Zurzeit haben sie als Distrikt nur einen unbefriedigenden Sonderstatus… Das Gespräch mit dem Direktor Seth Gabriel-Miller war ziemlich interessant, insbesondere in Bezug auf die Zukunft der kommunalen und regionalen Wasserwirtschaft. Auch Miller präferiert das Genossenschaftsmodell. Das sei gerade in Metropolregionen ratsam. Für Kirchtumdenken sei da eher weniger Platz. Auch auf das Thema „städtische Kanalnetze“ kamen wir zu sprechen: Die Übertragung kommunaler Kanalnetze auf regionale Wasserverbände sei die Zukunft. Obwohl Miller ein Verfechter der PPP ist, befürwortet er, diesen Sektor in öffentlicher Hand zu belassen. Sonst drohten Jobverluste aufgrund der Synergien… Klingt gut: In NRW wird die Stadtentwässerung Hamm bereits seit elf Jahren erfolgreich von unserem Lippeverband betrieben!

Um Wasserwirtschaft ging es auch beim Treffen mit Sean McGinnis von THG Advisors: Hill Canyon, San Antonio, Bottrop (!) – es war ein spannender Austausch über die Möglichkeiten der Energiegewinnung im Rahmen der Abwasserreinigung und Klärschlammverwertung auf Kläranlagen. Ich habe dabei nur ganz kurz das Projekt der Emschergenossenschaft, das Hybridkraftwerk Emscher in Bottrop, angerissen…;-) Hier wird definitiv auch über den Besuch hinaus ein Austausch von Know-how stattfinden…

2) Tulsa, Oklahoma

„Tulsa? Wieso bloß Tulsa?“ Das wurden wir immer wieder gefragt, sobald wir auch nur unsere zweite Station in den USA ansprachen. Nun, bei unserer Ankunft im tiefsten Amerika dachte auch ich zunächst: Gott allein weiß, wieso es Tulsa gibt… Doch tatsächlich hat die sympathisch entschleunigte Stadt sehr viel mit unserer Region hierzulande gemeinsam: Einst war Tulsa eine pulsierende Öl-Metropole, die „Öl-Hauptstadt der Welt“. Das ist jedoch lange her, der Transformationsprozess ist aber wie in unserem Revier in vollem Gange. Mittlerweile hat Tulsa einige wirklich phänomenale Museen, auch die Route 66 spielt beim Strukturwandel eine gewichtige Rolle. In der „Tulsa Vision 2025“ ist ein Route-66-Besucherzentrum vorgesehen, Tulsa bezeichnet sich heute schon als die Hauptstadt der Route 66. Mit Strukturwandel kennen wir uns im Emschergebiet ja bestens aus und wissen, dass zu einer Verbesserung der Lebensqualität und zur Stärkung des regionalen Tourismus auch naturnahe, idyllische Flusslandschaften gehören. Zahlreiche Gewässer in Tulsa sind jedoch in Betonsohlschalen eingefasst, hier setzt man beim Hochwasserschutz noch auf Uferbefestigungen. Leider stand die Wasserwirtschaft nicht im Fokus unserer Gespräche in Tulsa, aber der Wissensaustausch kann ja auch später noch fortgesetzt werden… Und wer weiß: Vielleicht bauen wir im Revier ja mal ein A-40-Besucherzentrum…

3) Denver, Colorado

Das Foto oben entstand in Denver bei unserem Treffen mit der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer: Neben mir stehen Paul Maricle (Honorarkonsul von Deutschland in Denver, hat früher mal in Essen-Bredeney gewohnt!) und Natalia Wobst (Executive Director der German-American Chamber of Commerce). Ebenfalls dabei waren amerikanische Partner von privatwirtschaftlichen Unternehmen – auf der Agenda standen diesmal Geschäftsbeziehungen zwischen Privaten und Öffentlichen, wie wir es in unserer Region etwa vom Emscher-Umbau kennen: Der öffentliche Sektor plant, entscheidet und kontrolliert – der private Sektor baut. Diese Art der Public-Private-Partnership kann man gutheißen, denn vom Emscher-Umbau profitieren schließlich alle. Er ist Motor für die heimische Wirtschaft (vor allem für den Mittelstand) und bringt letztlich Mehrwert für Mensch und Natur (verbesserte Lebensqualität)! Zu den Beispielen in den USA: Umgesetzt wurden Umbauten des LaGuardia-Flughafen in NYC sowie demnächst im Terminal von Denver. Die private Bauwirtschaft profitiert vom Auftragsvolumen, trägt aber auch das finanzielle Risiko bei Bauverzögerungen bzw. schlechter Qualität (Gewährleistungsfall)! Thumps up!

Einen äußerst spannenden Vortrag hörten wir in Denver zudem von James Eklund von der Firma „Squire Patton Boggs“ zur Wasserversorgung in Colorado: Die Rocky Mountains im Westen des Landes bilden die kontinentale Wasserscheide. Alles im Westen fließt in den Pazifik, alles im Osten in den Atlantik. 80 Prozent der Gewässer und damit der Wasservorräte Colorados befinden sich westlich der Rockies – 90 Prozent der Bevölkerung dagegen (auch Denver) leben östlich der Wasserscheide. Die Trinkwasserversorgung Denvers etwa gestaltet sich dadurch extrem schwierig, da es hier kaum Seen und Flüsse gibt und zudem starke Trockenheit herrscht. Die Versorgung gewährleistet daher der Süden des Landes, dort gibt es unter anderem den Rio Grande!

Auch bei unserem nächsten Treffen im Colorado Department of Agriculture ging es u.a. auch um das Thema Wasserwirtschaft! Interessanterweise gibt es im Großraum Denver nur eine große Kläranlage, die von Denver-City und den rund zehn Vorstädten beschickt wird. Unsere Referentin Cindy Lair war zunächst über meine Fragen zum Thema Abwasser verwundert (eigentlich ging es mehr um die Wasserversorgung in der Landwirtschaft), bis ich über meinen beruflichen Hintergrund aufklärte…

4) Portland, Oregon

Die US-Nordwestküstenstadt hat es sich auf die Fahne geschrieben, offen für alle zu sein. Jeder ist hier willkommen: Schwarze, Weiße, Asiaten, Schwule, Lesben, Transsexuelle, Marsmännchen (und -weibchen)! Portland konkurriert an der Westküste der USA dabei mit gigantischen Playern wie San Francisco, Los Angeles und Seattle – ohne jedoch eine besondere ikonische Attraktion zu haben…! Entsprechend ging es bei unseren Gesprächen an der Westküste der USA u.a. um die Themen „Regionales Marketing“ und „Wirtschaftliche Entwicklung“. Portland hat sich eine bzw. mehrere Nischen geschaffen – u.a. als „Bier- and Weincounty“. Geworben wird dafür schlicht mit den Einwohnern der Stadt, nach dem Motto: In Portland kann man die ungemein offenen Portländer treffen, am besten bei einem guten Essen mit Bier und/oder Wein…;-) Dabei werden jedoch keine klassischen Klischees bedient (wie manchmal bei uns mit dem „direkten Ruhri“, der sein Herz auf der Zunge trägt).

Fürs Marketing zuständig ist „Travel Portland“ – eine private Non-Profit-Organisation, die im Auftrag der Stadtverwaltung arbeitet! Dazu arbeitet Travel Portland vor allem mit den lokalen Unternehmen zusammen, vor allem mit den vielen Brauereien. Könnte auch ein Modell fürs Revier sein, Brauereien gibt‘s ja und Wein wird hier neuerdings auch wieder angebaut…😉 Den Abschluss unseres dreiwöchigen Gesprächsmarathons bildete letztlich ein Treffen mit Matt Miller, Vize-Präsident der Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Greater Portland“, zu der auch zwei Gemeinden des Nachbar-Bundesstaates Washington (!) gehören – Kirchturmdenken würde nur die Wettbewerbsfähigkeit behindern, Zusammenarbeit und Kooperation werden hier daher groß geschrieben. Wasserwirtschaftlich ist dies an der Emscher ja bereits seit 1899 der Fall (Gründung der Emschergenossenschaft)…

Der Gedanke unserer Metropole Ruhr ist mit Blick auf das US-Modell absolut richtig, aber der Name… Hier schmunzeln die Amerikaner ein wenig darüber, dass eine Region es nötig zu haben scheint, das Wort Metropole im Namen zu führen… 😳 New York, Chicago, Los Angeles, Denver, Portland, aber auch London, Paris und Berlin haben das jedenfalls nicht nötig – andererseits bestehen die wiederum auch nicht aus mehreren Groß- und Kleinstädten („Stadt der Städte“)!

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