Von faulen Eiern und sprudelnder Plörre

Von faulen Eiern und sprudelnder Plörre

Es stinkt zum Himmel, denn Kläranlagen sind nun mal keine Parfümfabriken. Aber vor Ort lerne ich: Sie leisten wichtige Arbeit!
Mein Rundblick ist beeindruckend. Ich schaue auf die Zeche Prosper Haniel, den Oberhausener Gasometer, die Stahlbögen des Observatoriums im Landschaftspark Hoheward und etwas entfernter am Horizont auf die Essener Skyline. Nur eine Sache beeinträchtigt mich empfindlich: der penetrante Geruch nach faulen Eiern, der je nach Windrichtung scharf in der Nase beißt oder einfach nur unangenehm ist – Schwefelwasserstoff liegt in der Luft. Er erinnert mich daran, dass ich mich nicht auf einer Aussichtsplattform, sondern mitten auf einem der vier jeweils 40 Meter hohen Faultürme der Kläranlage Bottrop befinde. „Keine Sorge! Das stinkt nur etwas, ist aber nicht gefährlich“, beruhigt mich Manfred Rüter.

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Blick vom Faulturm: die Bottroper Zeche Prosper Haniel, Foto: Katrin Schnelle

Bakterien beleben Wasser neu

Der Betriebsingenieur führt mich heute netterweise exklusiv durch das Werk. Ich bin noch ganz neu bei Emschergenossenschaft und Lippeverband und darf direkt eine Broschüre über die Kläranlagen im Einzugsgebiet der beiden Flüsse überarbeiten. Und deren Leistungen können sich sehen lassen! Wer jetzt neugierig geworden ist, findet hier ausführliche Informationen .

Die Prozesse im Bottroper Betrieb erklärt mir der Ingenieur persönlich: Zunächst werden die Feststoffe im Abwasser abgeschieden, dann wird die Nährstoffkonzentration mit Hilfe von Bakterien positiv verändert. Bakterien können Wasser reinigen? Das möchte ich mir genauer ansehen! Manfred Rüter führt mich zu den großen Belebungsbecken. Zu meinen Füßen sprudelt grau-braune Plörre soweit das Auge reicht. Gelbliche Schaumkronen schwimmen auf der Oberfläche. Hier nehme ich ein anderes Aroma wahr: modrig, erdig und weniger beißend. Kaum zu glauben, dass hier ein Reinigungsprozess stattfindet! Und doch hat das Wasser nach der anschließenden Trennung vom Bakterienschlamm ein beachtliches Qualitätsniveau erreicht, auf dem es unbedenklich zurück in die Emscher fließen kann.

In den Belebungsbecken übernehmen Bakterien die Reinigung, Foto: Rupert Oberhäuser

Aus Klärschlamm wird Strom und Wärme

Doch was befindet sich nun in den Faultürmen? In den sieben Meter dicken „Eierbechern“ bildet der Klärschlamm Methangas. Das befeuert die drei Blockheizkraftwerke auf dem Gelände, die Strom und Wärme erzeugen. Der ausgefaulte Schlamm wird mit Feinkohle versetzt und mit einem Filterhilfsmittel angereichert, entwässert und ebenfalls verbrannt. Die zur Verfügung stehende Wärme wird über eine Turbine ebenfalls zur Stromerzeugung genutzt. Auch in die Schlammentwässerung möchte ich einen Blick werfen. Beim Eintreten in das Gebäude pralle ich unwillkürlich leicht zurück. Der modrige Duft, der rund um die Belebungsbecken waberte, verbreitet sich hier in der Halle noch viel intensiver und erdiger. Aber die imposanten Membranfilterpressen lassen mich den Angriff auf meine Geruchsnerven schnell vergessen.

„Habe ich Ihnen einen kleinen Einblick geben können?“, verabschiedet mich Manfred Rüter freundlich nach vier Stunden. Klein ist deutlich untertrieben! Ich habe mir selbst ein Bild davon gemacht, dass die Aufbereitung von Abwasser eine immens aufwendige Angelegenheit ist. Und wir dürfen uns sehr glücklich schätzen, täglich unbegrenzt frisches Wasser zur Verfügung zu haben. Ein guter Grund, sich diesen Luxus bei der Nutzung von Hahn, Dusche oder Klospülung öfter mal in Erinnerung zu rufen!

 

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