Emscher-Umbau punktet in Berlin!

Emscher-Umbau punktet in Berlin!

Emschergenossenschaft spricht über erfolgreiches Projektmanagement

Ein Bahnhof im Süden, ein Flughafen im Osten und ein Konzerthaus im Norden – im Zuge der Debatte über diese Bauvorhaben ist der Eindruck entstanden, Deutschland könne keine Großprojekte. Dass dem nicht so ist, beweist ein Blick in den Westen: Bereits seit 1992 plant und setzt der öffentlich-rechtliche Wasserwirtschaftsverband Emschergenossenschaft in einem Mammutprojekt den Umbau des Emscher-Systems um. Die Metropolregion Ruhrgebiet, einer der größten Ballungsräume Europas, erhält eine neue und moderne wasserwirtschaftliche Infrastruktur. Die Emschergenossenschaft investiert 4,5 Milliarden Euro in dieses öffentliche Großprojekt, das über 20 Jahre nach seinem Start sowohl bzgl. des Kosten- als auch des Zeitrahmens immer noch in der Spur ist! Verantwortlich dafür ist ein stringentes Projektmanagement und Controlling – intern und extern! Details dazu präsentierte die Emschergenossenschaft am Donnerstag gemeinsam mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und NRW-Bauminister Michael Groschek in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin vor einem Publikum aus Bundespolitik und Wirtschaft.

Jochen Stemplewski spricht beim Themenabend „Emscher-Umbau“ in der Landesvertretung NRW in Berlin. Foto: Jens Oellermann

Im Rahmen des Umbaus der Emscher werden rund 400 Kilometer (!) an neuen unterirdischen Abwasserkanälen verlegt – teilweise in Tiefen bis zu 40 Meter! Die Emscher, der zentrale Fluss des Ruhrgebiets und heute in weiten Teilen noch ein offener Schmutzwasserlauf, wird gemeinsam mit ihren Nebenflüssen aufwändig renaturiert. Insgesamt entstehen neue Flusslandschaften auf einer Länge von 350 Kilometern – sie fließen unter anderem durch Großstädte wie Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Essen, Duisburg oder Oberhausen.

Messlatte für die Kosteneinhaltung ist die grundlegende Rahmenkostenschätzung für den Emscher-Umbau, die die Emschergenossenschaft zu Beginn des Projektes 1992 erarbeitet hat. Diese Kostenschätzung hat sich bis heute als belastbar erwiesen. 1992 wurde ein Gesamtbudget von 8,7 Milliarden Deutsche Mark ermittelt, später umgerechnet auf 4,5 Milliarden Euro. „In über 20 Jahren hat sich allerdings im Umfeld des Emscher-Umbaus viel getan. Verschiedene externe Einflussfaktoren haben den Kostendruck erhöht. Dazu gehören insbesondere drei Mehrwertsteuererhöhungen, von ursprünglich 14 auf heute 19 Prozent“, sagt Dr. Jochen Stemplewski, der als Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft seit 1992 amtiert und das Großprojekt damit von Beginn an verantwortet.

Vorausschauend entschieden
„Es war gut und richtig, dass wir seit Beginn des Projektes kontinuierlich und mit Erfolg gegen diese Kostensteigerungen angearbeitet haben“, sagt Stemplewski. Zumal in dieser Zeit allgemeine Baupreissteigerungen von insgesamt rund 21 Prozent (durchschnittlich 0,9 Prozent pro Jahr) zu verzeichnen waren. Rückblickend war es auch eine richtige Entscheidung, in das Projektbudget vorausschauend auch Kostenrisiken miteinfließen zu lassen: Bereits zu Beginn des Emscher-Umbaus ist deshalb in das Budget von damals 8,7 Milliarden DM mit rund 1 Milliarde DM mehr als 10 Prozent des Kostenrahmens für diese Risiken und absehbaren Entwicklungen eingeplant worden. Dies, so Stemplewski, sollte grundsätzlich bei allen Projekten mit langen Planungs- und Realisierungszeiten geschehen.

Der Emscher-Umbau ist im Kosten- und Zeitrahmen. Foto: Emschergenossenschaft

Um ein Großprojekt wie den Emscher-Umbau finanziell als auch zeitlich in der Spur zu halten, war zunächst jedoch ein „interner Umbau“ notwendig. „Verkürzt kann man sagen, dass wir parallel zum Emscher-Umbau in den 1990-ern auch die Emschergenossenschaft umgebaut haben“, so Stemplewski. Dazu gehörte die Einführung moderner kaufmännischer und technischer Controlling-Instrumente und die Einführung eines konsequenten Projektmanagements. „Darauf haben wir uns allerdings nicht ausgeruht. Wir haben auch in den Folgejahren weitere Werkzeuge und Instrumente wie „Benchmarking“ systematisch angewandt und zur Kostenbegrenzung eingesetzt“, ergänzt Stemplewski.

Beim Themenabend zum Emscher-Umbau sprachen in der Landesvertretung NRW neben Jochen Stemplewski auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und NRW-Bauminister Michael Groschek. Foto: Jens Oellermann

Controlling: intern und extern
Permanent führt die Emschergenossenschaft ein kontinuierliches – internes und externes – Controlling durch: Leistungs-, Zeit- und Kostenkontrollen in Form von sogenannten Ampel-Berichten. „Wenn Gefahr droht, dass der grüne Bereich verlassen wird, setzen wir gegensteuernde Maßnahmen ein. Damit halten wir die Projekte in ihrem vorgesehenen Rahmen in der Spur“, sagt Stemplewski. Als Auftraggeber und Bauherr muss man die Fäden des Projektes in der Hand behalten, das Großprojekt vom Anfang (das heißt, von der Idee über die Grundlagenermittlung bis zur Vorplanung) bis zum Ende (der Schlussrechnung) wirksam steuern, es nicht nur anstoßen und geschehen lassen – oder gar von anderen Interessenten oder Auftragnehmern (Bauunternehmen) getrieben werden. „Es gibt nicht-delegierbare Bauherren-Aufgaben, insbesondere die Verfolgung und Steuerung von Kosten, Zeit und Leistungsqualität, die man keinesfalls aus der Hand geben darf“, erklärt Stemplewski. Diese Verantwortung kann nicht originär von anderen wie z. B. externen Projektsteuerern übernommen und vertreten werden. „Projektsteuerer können kompetente Unterstützung für den Bauherren und Auftraggeber leisten – sie können aber nicht seine Rolle übernehmen.“

Das externe Controlling übernahm 2013 und 2014 das Unternehmen Fichtner Management Consulting. Im Fichtner-Review wurden der finanzielle Rahmen und die Zeitplanung kritisch hinterfragt. Im Ergebnis ließ sich sagen: Der Emscher-Umbau ist in der Spur – sowohl hinsichtlich der Kosten als auch der Zeitplanung. Die Abwasserfreiheit der Emscher kann nach jetzigem Kenntnisstand mit der Fertig¬stellung der Abwasserkanäle an der Emscher und den Ne¬benbächen wie geplant 2018 erreicht werden. Für den Zeitfaktor spielt jedoch auch die Durchführung der Genehmigungsverfahren eine wichtige Rolle. Dazu steht die Emschergenossenschaft in enger Abstimmung mit den Wasserbehörden. Laut Fichtner sei der Emscher-Umbau „ein Projekt von bemerkenswerter Konstanz, Termineinhaltung und Kostentreue“.

Kommunikation: offen und offensiv
Zum guten Ansehen des Großprojekts beigetragen hat sicherlich auch die stets offene und offensive Kommunikation des Generationenvorhabens durch die Emschergenossenschaft. „Es ist uns gelungen, den Nutzen des Projektes und den Mehrwert für die Menschen zu vermitteln – und sie damit auch für das Projekt zu begeistern. Die verständliche Erläuterung und Visualisierung der Planungen von Anfang an war eine unverzichtbare Voraussetzung“, so Stemplewski, „Offenheit und Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit waren auch in allen späteren Projektphasen von enormer Bedeutung. Die regelmäßige Berichterstattung zu Zeit, Kosten und Qualität nach innen und außen gehört dazu genauso wie die Kommunikation von erreichten Meilensteilen und Erfolgen, aber auch das offene Ansprechen von Schwierigkeiten oder Verzögerungen. Erfahrungen zeigen, dass Geheimniskrämerei überhaupt nicht hilft, sondern vielmehr einen quälenden Eindruck von Inkompetenz hinterlässt.“

Diese bislang positiven Erfahrungen mit dem Großprojekt präsentierte Dr. Jochen Stemplewski am Donnerstag gemeinsam mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und Michael Groschek, Minister für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Themenabends „Der Emscher-Umbau: Stadtentwicklung und Umweltgestaltung im Strukturwandel. Ein erfolgreiches öffentliches Großprojekt.“ Die Veranstaltung fand in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin statt. Das Ministerium von Michael Groschek, die NRW-Landesvertretung und die Emschergenossenschaft hatten dazu Vertreter aus der Bundespolitik und Wirtschaft eingeladen.

Der Emscher-Umbau, hier der Hahnenbach in Gladbeck, hält Kurs. Foto: Emschergenossenschaft

Groschek, der als Oberhausener den Emscher-Umbau bereits seit vielen Jahren bestens kennt, sagt: „Die Renaturierung der Emscher ist eines der symbolträchtigsten Strukturwandelprojekte im ehemaligen Kohlenrevier. Die Emschergenossenschaft hat bereits früh die Weichen für ein stringentes Projektmanagement gestellt. Dieses Controlling setzt sie bis heute konsequent fort und beweist damit, dass wir in Nordrhein-Westfalen Großprojekte stemmen können.“

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat den Umbau der Emscher im vergangenen Jahr im Rahmen ihrer Sommerreise persönlich vor Ort in Städten wie Bottrop, Oberhausen und Dinslaken besichtigt und dabei auch die Auszeichnung als „UN-Dekadeprojekt“ überreicht. „„Der Emscher-Umbau ist ein Jahrhundertprojekt. Ich würde sogar sagen: Er ist eine Jahrhundertchance für die Region. Der Emscher-Umbau ist das größte Infrastrukturprojekt des Landes NRW – insgesamt sollen rund 4,5 Milliarden Euro investiert werden. Der Umbau ist einer der wichtigsten Bausteine für den Strukturwandel in der größten zusammenhängenden Industrieregion Europas.“

Dortmunds OB Ullrich Sierau vertrat in Berlin das Emschergebiet. Foto: Jens Oellermann

Diese ehemalige Industrieregion wurde in Berlin übrigens durch Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau vertreten. Sierau konnte aus erster Hand von den Erfolgen des Emscher-Umbaus berichten, denn in Dortmund ist die Emscher bereits auf mehr als 20 Kilometern Länge abwasserfrei und auch schon weitestgehend renaturiert. In DO-Hörde (am Phoenix See) und in DO-Aplerbeck (am Rathaus) wurde die Emscher zudem nach mehreren Jahrzehnten wieder offengelegt und überhaupt erst sichtbar gemacht. Sierau: „Der Umbau der Emscher und ihrer Zuflüsse hat die Quartiere entlang der Ufer in punkto Lebens- und Freizeitqualität erheblich aufgewertet. Wir sehen immer wieder, dass die Menschen die neu entstandenen Naturräume sofort begeistert annehmen. Für Dortmund kann ich mit Fug und Recht sagen: Die Emschergenossenschaft hat einen tollen Job gemacht.“

Hintergrund:
Die Emschergenossenschaft und der Umbau des Emscher-Systems
Die Emschergenossenschaft wurde 1899 in Bochum als Deutschlands erster Wasserwirtschaftsverband gegründet. Ihre Aufgaben sind seitdem unter anderem die Unterhaltung der Emscher, die Abwasserentsorgung und -reinigung sowie der Hochwasserschutz. Wegen der durch den Bergbau verursachten Erdsenkungen im mittleren Ruhrgebiet sind unterirdische Kanäle früher nicht möglich gewesen, da sie bei Bergsenkungen beschädigt worden wären. Daher wurden die Emscher als zentraler Fluss des Ruhrgebiets und ihre Nebenbäche als offene Schmutzwasserläufe verwendet.
Seit Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre hat sich die Lage jedoch geändert. Nach der Nordwanderung des Bergbaus sind auch keine Bergsenkungen mehr zu befürchten, so dass nun auch unterirdische Abwasserkanäle gebaut werden können. Seit 1992 plant und setzt die Emschergenossenschaft den Emscher-Umbau um. Jedes Gewässer erhält ein unterirdisches Pendant, durch das die Abwässer zu den Kläranlagen abgeleitet werden. Die oberirdischen Bäche sind damit abwasserfrei und können anschließend naturnah umgebaut werden: Die Betonsohlschalen werden entfernt, die Böschungen weiter und vielseitiger gestaltet. Dort, wo der Platz es zulässt, erhalten die einst technisch begradigten Flüsse wieder einen kurvenreicheren Verlauf.

Der Emscher-Umbau dauert bis 2020. Über einen Zeitraum von rund 30 Jahren investiert die Emschergenossenschaft insgesamt 4,5 Milliarden Euro. Seit Beginn der 90er-Jahre wurden bis heute rund drei Milliarden Euro ausgegeben. Rund 290 von 400 Kanalkilometern sind bislang verlegt worden, knapp 130 von 350 Kilometern an Gewässerläufen wurden schon ökologisch verbessert. Der Oberlauf der Emscher und ihre Nebenläufe in Dortmund sind bereits seit Anfang 2010 auf einer Länge von etwa 24 Kilometer komplett abwasserfrei – und heute weitestgehend bereits renaturiert, ebenso auch die früheren Emscher-Arme Alte Emscher und Kleine Emscher im Raum Duisburg.

Zum Emscher-System gehören folgende Städte: Holzwickede, Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Herne, Herten, Gelsenkirchen, Gladbeck Bochum, Essen, Mülheim, Bottrop, Oberhausen, Duisburg und Dinslaken.

Kommentare

  • Oliver Feldbusch

    Hallo Herr Abawi, vielen Dank für den Beitrag zur Vorstellung des Emscherumbau in Berlin.

    Als Anlieger aus Ebel bin ich auch froh über dieses Projekt.

    Ich bin aber erstaunt, das sich die Politiker wegen des Projektes so weit aus dem Fenster lehnen.

    Auf der Seite des Umweltministeriums NRW steht noch der Fertigstellungstermin des Kanales für 2017.

    Dabei ist der letzte Abschnitt vom Regierungspräsidium Münster nicht einmal genehmigt.

    Die Fertigstellung ist daher erst für 2019 zu erwarten.

    Viele Grüße

    Oliver Feldbusch Tel 02041-3803019

    • Ilias Abawi

      Hallo Herr Feldbusch,
      vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Die Bauzeitenpläne einzelner Projekte haben sich in der Vergangenheit immer wieder mal geändert. Maßgeblich ist für uns eigentlich nur das Enddatum: 2020 – dann soll die Emscher auf der ganzen Länge wieder vom Abwasser befreit sein. Die Köttelbecke würde dann der Geschichte angehören!
      Diesbezüglich sind wir aktuell „in der Spur“…:-)
      Mit besten Grüßen,
      Ilias Abawi

      • Oliver Feldbusch

        Hallo Herr Abawi, wenn bis 2020 alles fertig ist, bin ich zufrieden.

        Aber eine etwas bessere Information an die Anlieger, dass sich die Bauzeit des Emscher Kanal wegen mangelnder Genehmigungen von 5 auf 7-8 Jahren verlängert wäre doch nicht schlecht.
        So muss man sich immer wundern, wenn auf Internetseiten von Ministerien und der Emschergenossenschaft immer noch Fertigstellung 2017 steht.

        Auszug aus der Pressemeldung vom 24.05 -„Das Herzstück des Emscher-Umbaus ist der Abwasserkanal Emscher (AKE), der nach 2017 das Schmutzwasser aus den Zuflusskanälen aufnimmt. “ weitere Beispiele kann ich Ihnen gerne noch zusenden.
        Es bedurfte einiger Recherche bis mir das RP Münster mitteilte, das das letzte Stück Kanal noch gar nicht genehmigt ist.
        Von daher fand ich die Vorträge in Berlin von H. Dr. Stemplewski und diverser Minister doch etwas “ mutig „.

        Ich drücke aber die Daumen, dass wenigstens 2020 klappt.

        Viele Grüße
        Oliver Feldbusch

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